
Tagung zur Woche der ausländischen
Mitbürger/Interkulturelle Woche 2005
(Leipzig, 4-5 Februar 2005)
AG 7: Förderung der Akzeptanz
von interkulturellem Zusammenleben in Deutschland
Integration durch einen Kuchen. Wie das
Wassilopita-Fest das interkulturelle Zusammenleben in Deutschland fördert.
Sehr geehrte Damen und Herren,
jedes Jahr, Anfang Januar, werde ich als orthodoxer Pfarrer von
verschiedenen Vereinen im Rahmen des Einzugsbereichs meiner Kirchengemeinde,
der Griechisch-Orthodoxen Kirchengemeinde
der „Kreuzerhöhung“ in Mannheim, eingeladen um den Neujahrskuchen anzuschneiden. Das Anschneiden des Neujahrskuchens
ist eine uralte griechische Tradition, die sowohl zu Hause als auch in den
Vereinen von der Mehrheit der Griechen gepflegt wird. Erlauben Sie mir ganz
kurz Ihnen diese Sitte zu präsentieren. In der Sylvester-Nacht, kurz nach 24.00
Uhr in Anwesenheit aller Familienmitglieder wird in allen griechischen Häuser,
der Neujahrskuchen angeschnitten. Es geht um einen besonderen Kuchen, in dem eine
(Gold)-Münze versteckt ist. Der Kuchen wird im
Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes gesegnet,
angeschnitten und verteilt. Das erste Stück wird an dem Herrn des Lebens und
seinem heiligen Diener Vasileios (Hl. Wassilios, der Große, Bischof von Kappadozien),
dem wir diese Tradition verdanken, gewidmet. Danach wird allen Anwesenden ein
Stück gereicht. Zum Schluss, bleiben noch ein paar Stücke für die Fremden, die
Armen oder einen unerwarteten Besucher. Wer die (Gold)-Münze bekommt hat Glück
für das ganze Jahr. Der Kuchen heißt Wassilopita.
Die Tradition geht zurück zu dem Heiligen Vasileios
(gesprochen „Wassilios“), der ein sehr beliebter Bischof in Caesareia, in
Kappadozien war. Er war wohltätig und hilfsbereit – so hat er, in einem Stadtteil
Heime für Kranke, Waisenkinder und
ältere Menschen gebaut und genoss das Vertrauen der ganzen Stadt. Als Kaiser Julian
mit seinem Heer vorbei kam, wollte er Vasileios, wegen seines Glaubens
erpressen, und verlangte sehr viel Gold, damit die Stadt verschont bleibt. Alle
Bürger haben sofort ihr Gold dem Bischof anvertraut, damit ihre Stadt gerettet
wird. Vasileios hat zu Gott gebetet, und der Kaiser hat seine Pläne geändert
und ist nicht durch diese Region vom Krieg zurückgekehrt. Jetzt hatte der Bischof
aber ein großes Problem: er wollte das Gold den Menschen zurückgeben, wusste er
aber nicht mit Sicherheit wem was gehörte. Deswegen hat er die Frauen
beauftragt Brote zu backen und hat in jedes Brot ein Gold- bzw. Schmuckstück
gesteckt. Der Legende nach hat jeder sein eigenes Gold- bzw. Schmuckstück in
seinem Brotstück gehabt.
Die Wassilopita wird also am 1. Januar, dem Gedächtnistag des Heiligen
Vasileios in der Orthodoxen Kirche, zu seinen Ehren angeschnitten. Dieser
Brauch bietet eine Gelegenheit für die ganze Familie zusammen zu kommen und das
neue Jahr rituell zu beginnen. Was sich in den Familien am 1. Januar abspielt, findet in den verschiedenen
Vereinen im Laufe des ganzen Monats statt. Dort wird ganz offiziell der Pfarrer
der Gemeinde eingeladen, der das Anschneiden der Wassilopita mit einem kleinen
liturgischen Ritual begleiten wird. Es wird für den Frieden in der Welt und die
Versöhnung der Menschen, für gedeihliche Witterung und reiche Ernte im neuen
Jahr gebetet.
Diese schöne Tradition pflegen auch die griechischen Vereine in
Deutschland. Und nicht nur die griechischen! In Deutschland gibt es ganz viele
Deutsch-Griechische Vereine, bzw. Gesellschaften, die auch diese Tradition
pflegen. Das Anschneiden wird oftmals mit einem Fest verbunden, welches den
Menschen die Gelegenheit bietet einander näher zu kommen und somit das
interkulturelle Zusammenleben der deutschen Bevölkerung mit der griechischen
fördert.
Zwei vorbildliche Beispiele aus dem Einzugsbereich meiner Gemeinde
möchte ich Ihnen besonders präsentieren. Im Jahre 1999 wurde in Weinheim an der
Bergstrasse der Griechisch-Deutsche Freundeskreis „Philia“ e.V. gegründet. „Philia“,
ein griechisches Wort, das Freundschaft
bedeutet, macht hervorragende interkulturelle Arbeit. Er nimmt an lokalen,
deutschen Feste teil, macht Theater, pflegt die griechischen Tänze, organisiert
Ausstellungen, Lesungen, Stadtführungen und bietet Sprachkurse an. Seit 2000
organisiert er einen Neujahrsempfang, der mit dem Anschneiden der Wassilopita
beginnt. Danach folgt jedes Jahr ein buntes Programm, mit folgenden Bausteinen:
eine griechische Band, die sowohl griechische als auch deutsche und
internationale Musik spielt, die Tanzgruppe des Freundeskreises als auch eine
traditionelle deutsche Tanzgruppe aus der Region (an diesem Jahr aus dem
Odenwald) und ein kleines Theaterstück bzw. Happening. Die Resonanz, sowohl der
deutschen als auch der griechischen Bevölkerung aus Weinheim und der gesamten
Region ist so groß, dass es den Organisatoren Kopfschmerzen bereitet, wo sie
alle diese Menschen unterbringen können, obwohl das Rolf-Engelbrecht-Haus schon
270 Gäste beherbergen kann. Unter Ihnen findet man viele Prominente aus Politik
und Wirtschaft. Der begeisterte Oberbürgermeister ist natürlich dabei, denn
auch er ist Mitglied von „Philia“. Der Bürgermeister a.D. ist auch immer dabei,
wie auch der griechische Generalkonsul aus Stuttgart und viele Abgeordnete aus
Bund und Land. Der Erlös des Abends wurde diese Mal an den Verein „Hilfe zur Selbshilfe – Dritte Welt“ e.V.
gespendet. Mit dem Betrag von 1.800 € wird nun einem Dorf in Sri Lanka wichtige
Hilfe geleistet, damit die Flutopfer dort, die ihre Häuser verloren haben, so
schnell wie möglich wieder ein Dach über dem Kopf haben, damit sie sich wieder
selbst versorgen können.
„Philia“ versucht nicht nur die griechische Kultur den deutschen Mitbürgern näher zu bringen, sondern auch aktiv am kulturellen und gesellschaftlichen Leben in Weinheim teil zu haben. Durch die Aktionen kommen auch die griechischen Mitbürger mehr mit ihren deutschen Nachbarn in Kontakt und somit wird Integration auf eine angenehme und praxisbezogene Art geleistet.
Das zweite Beispiel zeigt was das Engagement eines Menschen zustande
bringen kann. In der Stadt Lampertheim in Hessen, auch an der Bergstrasse, gibt
es keinen griechischen oder deutsch-griechischen Verein. Es gibt aber die
engagierte Griechin Evangelia (Liza)
Ehret, die jedes Jahr das Wassilopita-Fest zu Gunsten des Vereins „Lebenshilfe Lampertheim“ e. V. organisiert.
Es geht um einen Verein der sich um die Betreuung von behinderten Menschen
kümmert, damit auch deren Angehörige einmal zur Ruhe kommen können. Auch in
Lampertheim ist das Wassilopita-Fest zu einem festen Ereignis der lokalen
Gesellschaft geworden, bei dem auch der Bürgermeister, wie auch in Weinheim,
immer anwesend ist. Selbstverständlich wurde in diesem Jahr der Erlös des
Festes für die Flutopfer in Asien, nämlich in Summatra, gespendet. Frau Ehret
hatte wieder ein reiches Programm vorbereitet. Neben den griechischen Tänzen,
die von einer Gruppe deutscher Frauen aus Laudenbach vorgestellt wurden, gab es
auch die deutschen traditionelle Tänze aus Hessen, der Auftritt des berühmten
Pfeiffers von Altrip, sowie auch eine Kindergruppe. Der Höhepunkt aber des
Festes an diesem Jahr war der Auftritt einer Tanzgruppe aus Indonesien, die den
Anwesenden Asien und seine Kultur näher gebracht hat.
Das Wasilopita-Fest ist ein Fest, dass sowohl die griechische Seele
berührt, als auch das Interesse der deutschen Bevölkerung anregt. Ein Beweis
dafür ist die große Beteiligung aller an dem bekannten griechischen Tanz
„Syrtaki“: Griechen und Deutsche so wie andere Nationalitäten, tanzen Hand in
Hand… Herrlich! Aber nicht nur mit „Syrtaki“ wird das Publikum begeistert. Als,
vor ein paar Tagen, in Lampertheim die deutsche Gruppe aus dem Odenwald ihre
Tänze vorgeführt hat, hat Jannis ganz
kräftig applaudiert und dann zu dem anderen Jannis,
dem Lehrer, gesagt: „und man spricht noch
von Kriegen!“ „Wie wundervoll ist die Tradition jedes Volkes!“
Bei einem Fest öffnen sich die Seelen der Menschen. Die Gesellschaft in Deutschland braucht
solche Feste, wie das Wassilopita-Fest. Feste, die für Menschen aus
verschiedenen Kulturen gleichvoll Sinn machen, die alle ansprechen und
berühren, die das interkulturellem Zusammenleben in Deutschland fördern.
Mein Vorschlag also wäre: in jedem Stadtteil, in allen Städten,
sollten sich Arbeitsgruppen zusammentun – zusammengesetzt aus Deutschen und
Migranten, die sich zum Ziel machen, ein solches Fest zu organisieren, dass
alle Mitbürger anspricht und bei dem sich alle wohl fühlen. Denn ein Leben ohne Feste ist eine lange Reise
ohne Übernachtung, hat Plutarchos,
ein griechischer Philosoph aus der Antike gesagt.
Pfarrer Dr. Georgios Basioudis,
Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland, Griechisch-Orthodoxe
Kirchengemeinde zu Mannheim